
Zeit im Dschungel, Zusammenbruch und der Verlust meiner Identität
Jahrelang funktionierte ich. Ich war überall, nur nicht bei mir selbst. Ich definierte mich über meine Rolle als Sozialarbeiterin. Die Person, die immer Zeit hat, für Andere präsent ist. Zeit für mich kannte ich nicht. Und wenn ich sie hatte, fühlte sie sich falsch an. Alleinsein und Stille waren für mich nichts Beruhigendes, sondern etwas Bedrohliches. Dann kam eine Zeit, in der alles still wurde. Und ich hatte keine Kontrolle darüber. In der Pandemie verlor ich meinen Job als Sozialarbeiterin. Ich zog in den Dschungel. Fernab vom Lärm der Hauptstadt. Ohne Internet. Ohne Müssen. Ohne Funktionieren. Was sich zuerst wie Freiheit anfühlte, war in Wahrheit mein persönlicher Zusammenbruch.
Wenn Stille nichts Romantisches hat
Stille wird oft romantisiert. Als Ort der Klarheit. Als spirituelle Erfahrung. Doch echte Stille ist nicht sanft. Sie ist ehrlich. Ohne Ablenkung werden Gedanken sichtbar, die lange überhört wurden:
- Angst
- Leere
- Schmerz
- Erschöpfung
Eine Beziehung, die mich von mir entfernte
Es gab eine Beziehung in meinem Leben, die mich etwas Wesentliches kostete: meine Identität. Ich wurde leiser. Angepasster. Unsicherer. Ich begann, mich selbst infrage zu stellen, weil ich den Kontakt zu mir verlor. Bevor ich in den Dschungel zog, glaubte ich, diese Beziehung hinter mir gelassen zu haben. Ich dachte, Zeit würde alles heilen. Doch das Trauma kam mit. Erst in der Stille, ohne Ablenkung, holte mich die Vergangenheit vollständig ein.
Wie Identität leise verschwindet
Identität geht selten plötzlich verloren. Sie verblasst. Wenn du aufhörst, deinem inneren Nein zu vertrauen. Wenn du dich anpasst, um zu bleiben. Wenn du irgendwann nicht mehr weisst, was du eigentlich möchtest. Der Zusammenbruch kam nicht plötzlich. Ich hatte mich nur zu lange nicht gehört.

Der Dschungel als Spiegel
Allein im Dschungel gab es nichts, woran ich mich festhalten konnte. Keine Rollen. Keine Erwartungen. Keine Beziehungen, die mich definierten. Nur Stille. Zu viel Zeit. Und all die Stimmen in meinem Kopf. Dieses Chaos fühlte sich zuerst wie ein Absturz an. Ich sah die Welt nur noch in Schwarz und Weiss. Fühlte mich als Opfer meiner Vergangenheit. Verlor oft den Blick für einen Ausweg. Was frei begann, wurde mein inneres Gefängnis. Und genau dort begann etwas Entscheidendes: Ich hörte mir zum ersten Mal ehrlich zu. Ohne Ablenkung. Ohne Verdrängung.
Was ich gelernt habe, als alles still wurde
Ich war nicht verloren. Ich war beschäftigt damit, mich abzulenken. Ich lernte, dass man vor der eigenen Vergangenheit nicht davonlaufen kann, sonst kontrolliert sie dich. Ich lernte, dass Licht ohne Schatten nicht existiert. Und dass Heilung nicht im Verdrängen liegt, sondern im Anerkennen.
Zurück zu mir war kein romantischer Weg
Mein Weg begann nicht mit einer Erleuchtung. Sondern mit kleinen Entscheidungen:
- innehalten
- nicht mehr erklären
- mich ernst nehmen
- bleiben, wenn es unbequem wird
Rückverbindung ist kein gerader Weg. Sie entsteht im Dazwischen.
Warum ich diese Geschichte teile
Weil viele glauben, sie müssten lauter, stärker oder besser werden. Dabei geht es oft darum, aufzuhören, sich selbst zu verlieren. Stille ist kein Rückzug. Sie ist ein Spiegel. Und genau dort, wenn nichts mehr trägt ausser du selbst, beginnt oft der Neubeginn.
Als alles still wurde, bin ich mir selbst begegnet. Nicht als geheilte Version. Sondern als echte. Und genau das war der Anfang. Mein Neubeginn.
Die Stille im Dschungel hat mir vieles gezeigt. Doch sie hat mir nichts „abgenommen“. Was danach kam, war keine Antwort. Sondern Zeit. Zeit, in der sich das Erlebte setzen durfte. Zeit, in der nichts beschleunigt werden konnte. Genau dort begann ein anderes Verstehen. Warum Bewusstsein Zeit braucht.